Jugendstil

Das Sammeln von Jugendstilkunst hat im Hessischen Landesmuseum Darmstadt eine lange Tradition. Die erste Dauerausstellung öffnete bereits 1965 und Darmstadt gehörte damals zu den wenigen Orten in Deutschland, an denen Kunsthandwerk des Jugendstils zu sehen war.
Heute umfasst die Sammlung Objekte aus ganz Europa und den USA. Über 400 Gläser und Keramiken, Möbel, Textilien, Kleinbronzen, Metall- und Silberschmiedearbeiten nahezu aller namhaften Künstler der Zeit um 1900 dokumentieren das vielfältige Schaffen dieser europäischen Bewegung. Zahlreiche herausragende Werke aus Belgien, England, Frankreich, den Niederlanden, Österreich, Russland, Skandinavien und natürlich Deutschland gehören zu den Beständen, darunter Arbeiten von Emile Gallé und der Schule von Nancy, von Hector Guimard, Otto Eckmann, Richard Riemerschmid, Louis C. Tiffany, den Mitgliedern der Darmstädter Künstlerkolonie und der Wiener Werkstätte.

Weltruhm besitzen die Möbel Henry van de Veldes, die Textilbilder von Aristide Maillol, Paul Ranson und Emile Bernard und die einzigartige Sammlung von Jugendstilschmuck. Mit über 250 Schmuckstücken von René Lalique, Georges Fouqet, Philippe Wolfers, der Firma Fabergé, Georg Jensen, Hans Christiansen, Ernst Riegel und vielen anderen gehört sie weltweit zu den größten Sammlungen ihrer Art.

Kontakt

Dr. Wolfgang Glüber
T 06151 1657-011

Zwei Reiher, in natürlichen Farben emailliert, umschlingen ein rundes Medaillon mit hellgrünen Misteln und der roten Inschrift „L'an neuf“ auf gelbem Hintergrund. Das Ganze hängt an Kettchen, besetzt mit Chrysoprasen, einem braunen Brillanten und einundzwanzig Diamanten. Der Wert des Schmuckstücks ist nicht so sehr durch sein Material als vielmehr – wie im Jugendstil so häufig – durch seine originelle Erfindung bestimmt. Fabergé greift hier wohl auf einen westeuropäischen Entwurf zurück, denn in seinem außerordentlich reichen Schaffen sind charakteristische Jugendstilarbeiten sehr selten. Die beiden führenden Goldschmiede Moskaus und St. Petersburgs, Fabergé und Bolin, verwendeten mehrfach Entwürfe französischer Künstler. Vermutlich war der Anhänger ein kostbares Neujahrsgeschenk, denn er zitiert den Neujahrsgruß französischer Bauern: Au gui l'an neuf.

Paris war um 1900 die unbestrittene Hauptstadt der Schmuckkunst. Unter den großen Schmuckentwerfern ragte besonders René Lalique heraus, dessen phantasievolle Kreationen die Welt begeisterten. Er schuf nicht nur völlig neue Motivwelten, sondern setzte sich auch über geltende Regeln der Juwelierkunst hinweg, indem er farbiges Email mit Edelsteinen und Edelsteine mit preiswerten Materialen, zum Beispiel Horn verband – immer auf der Suche nach dem künstlerischen Wert eines Schmuckstücks, der nicht identisch mit dessen Materialwert sein musste.Bei der kunstvoll aus Gold und Fensteremail gearbeiteten Brosche spielt Lalique mit einer motivischen Täuschung. Auf den ersten Blick nimmt man nur eine Blüte wahr. Erst beim genauen Hinsehen offenbart sich, dass die vermeintliche Blüte aus fünf Kobraköpfen zusammengesetzt ist, deren Halsschilde die Blätter bilden.

Im Jahr 1900 reisten Vertreter des Darmstädter Landesgewerbevereins zur Weltausstellung nach Paris, um für das hiesige Gewerbemuseum kunsthandwerkliche Gegenstände zu erwerben. Am Stand von Siegfried Bing, dem Besitzer der Galerie „Art Nouveau“, kauften sie das Glasmosaik mit den beiden schwimmenden Goldfischen, hergestellt in den Tiffany Studios in New York. Der Entwurf dieser stark durch japanische Vorlagen inspirierten Einlegearbeit wird seit einiger Zeit Clara Driscoll, der Leiterin der Glasschneidewerkstätten bei Tiffany, zugeschrieben. Das Bildmotiv der im Wasser schwimmenden Fische gestaltet sich durch die Verwendung von Glasstücken mit unterschiedlichen Dekoren und wirkt beinahe wie ein Musterbogen für die Variationsbreite des für Tiffany-Produkte typischen opaleszierenden Glases. Diese Herangehensweise findet sich auch bei anderen kleinformatigen Mosaikbildern aus der Tiffany-Werkstatt. Sie erscheinen dadurch künstlerisch verfremdet und abstrahierter als die sich näher am Naturvorbild orientierenden, gleichzeitig entstandenen Lampen und Glasfenster.

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